Vom Prinzip der Polarität
.. und was es mit den Objekten Willi Bauers verbindet
Zunächst scheinen sie Findlinge. Fünf helle,
beinahe weiße
Steinblöcke. Vom Zufall,
von der Natur an ihren Ort
geworfen. Zu streng, zu geometrisch geformt
sind sie allerdings, um wirklich
Werk das Zufalls oder natürlicher
Kräfte sein zu können. Jeder
Stein ist aus mehreren, flachen
Kuben zusammengesetzt, genauer: aus zwei oder
drei kubischen Teilen, gegeneinander
verschoben in merklichem und doch sanftem
Auf und Ab, in einer Art rhythmischer,
harmonischer Wellenbewegung - wären
da nicht die genauen Kanten und
Ecken, die sich dem Runden dieser Bewegung
entgegenstellen.Aber auch diese
Kanten und Ecken sind nicht so kompromisslos,
wie es zunächst aussehen
mag. Fährt man mit der Hand darüber,
zeigen sie sich erstaunlich
handschmeicherleisch, weich in ihrer leichten,
haptisch noch besser als
optisch nachvollziehbaren Abrundung.
Die Zwei und die Drei. Zahlen die nicht allein in der Arbeit
eine erhebliche Rolle
spielen, die Willi Bauer als "Kunst am Bau"- Projekt vor
einem Krankenhaus
in Koblenz geschaffen hat. Zahlen, die überhaupt für
ihn und
seine Skulpturen wichtig sind,die per se schon das Monolithische, das die
Steinblöcke für sich zu beanspruchen scheinen, modifizieren,
abmildern. Nicht um das Einzelne geht es, sondern um Beziehungen- wieder
und wieder. Beziehung des einen zum anderen beispielsweise der Teile innerhalb
eines jeden Steinblocks. So korrespondiert die leichte Abwärtsschrägung
des einen mit der leichten Aufwärtsneigung
des anderen Teils. Entsprechungen, die trotzdem nie bis zu spannungsloser
Symmetrie getrieben, durchgespielt werden.
An Stelle dieser Symmetrie tritt Entsprechung durch Variation, tritt
ebenso behutsame wie entschlossene Abweichung, Abweichung etwa von Achsen
und von Neigungswinkeln. Was für den einzelnen Block gilt, gilt nicht
weniger für das Verhältnis, für die Beziehung der fünf
Blöcke in der Koblenzer Arbeit Willi Bauers insgesamt- auch hier herrscht
ein steter Wechsel von Entsprechung und Abweichung, manifestiert sich ruhige
Bewegung, die das Auge nicht ablenkt, sondern an sich bindet, die erst
dann überhaupt sichtbar wird, wenn sich das Auge des Betrachters selber
zur Ruhe zwingen kann.
Die Zwei und die sich aus ihr geradezu notwendigerweise
ergebende Drei.
Wenn zwei Elemente zueinander in Beziehung treten, entwickelt sich
auch im
Formalen bei Bauer daraus nahezu notwendig das Dritte, das
Element, das die
zwei andere verbindet oder trennt. Der Keil, der sich
spaltend zwischen sie
schiebt oder sie, Zwiespalt überwindend, verklammert.
Die Öffnung,
der Durchbruch, die Distanz schaffen und gleichzeitig
Abstände
verringern.
Diese Grundprinzipien finden sich in fast jeder Arbeit
dieses
Bildhauers, auch sie allerdings so delikat, so zurückhaltend und
behutsam
tastend eingesetzt und nuanciert, dass sie sich nirgendwo in den Vordergrund
drängen.
Wie beispielsweise bei dem Brunnenstein, den der Künstler
1997
aus Granit schuf. Ein Dreierblock bei dem der mittlere die beiden
äußeren
auseinanderdrängt und doch von ihnen innig umklammert,
festgehalten
wird. Drei blockförmige, kubische Elemente, von denen die beiden
äußeren,
umklammernden ähnlich, aber nicht gleich sind. Das eine ist
nicht
nur größer, wuchtiger als das andere, seine nach oben gerichtete
Fläche ist stärker geneigt, sein seitliches Profil anders konturiert.
Spannung wird hier konzentriert spürbar, Spannung, deren eine
Ursache
die unterschiedliche, zuwiderlaufende Neigung von mittlerem Stein und
äußeren
Teilen ist, Spannung, die erhöht wird durch die Tatsache, dass
Willi
Bauer seinen Brunnenstein in einen gepflasterten Kreis legt, Kantiges gegen
Rundes setzt. Bauer belässt es nicht bei diesem reinen, unaufgelösten
Gegensatz sondern schafft einmal mehr Verbindung,indem er die Rundung des
umfassenden Kreises aufgreift und variiert durch eine leichte Wölbung
der Blöcke, genauso wie er die kleinen Pflastersteine der kreisförmigen
Basis das Kantige dieser Blöcke aufnehmen lässt.
Block und Kreis. So kompromisslos einfach sind diese Formen,
dass
sie an Archaisches erinnern, an die Steinkreise, die frühe Kulturen
errichteten und die uns gerade deshalb so faszinieren, weil sich ihre Bedeutung
uns nach wie vor noch nicht völlig erschlossen hat, weil sie sich
zumindest einen Rest von Rätsel und Geheimnis bewahren. Eine Rätselhaftigkeit,
wie sie stärker vielleicht sogar noch dem "Steinkreis" Willi Bauers
eigen, den der Künstler 1995-1996 in Bad Dürkheim
schuf. Zwei massive, sparsam konturierte Blöcke, die umgestürzten
Stelen oder Figuren gleich, in einem steinernen Kreis liegen, die sich
aber nicht ganz von ihm einfangen lassen, sondern über ihn hinausragen.
Verblüffende Beziehungen, Entsprechungen manifestieren sich auch hier
für den Betrachter erst auf den zweiten und dritten Blick. Erst dann
wird offenbar, dass die Kreislinie nur scheinbar durch die Blöcke
übertreten, durchbrochen wird, dass sie tatsächlich über
sie hinwegläuft, so, als ob sie die Steine fest an sich binden wollte.
Was zunächst auch hier fast zufällig, auch spontan anmutet, entpuppt
sich einmal mehr als das Werk sorgfältiger Überlegung und bewussten
künstlerischen Schaffens.
Wir und die Gegenstände
Licht und Finsternis
Leib und Seele
Zwei Seelen
Geist und Materie
Gott und die Weit
Gedanke und Ausdehnung
Ideales und Reales
Sinnlichkeit und Vernunft
Phantasie und Verstand
Sein und Sehnsucht
Zwei Körperhälften
Rechts und Links
Atemholen
Physische Erfahrung: Magnet
Was in die Erscheinung tritt, muß sich trennen, um nur zu erscheinen.
Das Getrennte sucht sich wieder, und es kann sich wieder finden und vereinigen;
im niedern Sinne, indem es sich nur mit seinem Entgegengestellte vermischt,
mit demselben zusammentritt, wobei die Erscheinung Null oder wenigstens
gleichgültig wird. Die Vereinigung kann aber auch im höheren
Sinne geschehen, indem das Getrennte sich zuerst steigert und durch die
Verbindung der gesteigerten Seiten ein Drittes, Neue, Höheres, Unerwartetes
hervorbringt.
Das schreibt Goethe, auf der Suche nach den entscheidenden
Prinzipien der Natur, in seiner "Wissenschaftslehre". Als eines dieser Prinzipien
erkennt er das der "Polarität". Entsprechen ihm nicht geradezu mustergültig
die Objekte Willi Bauers? Verkörpern sie nicht beispielhaft jene Steigerung
des Getrennten, jenes aus der Verbindung des Getrennten erwachsende Dritte?
Wenn es denn noch eines Beweises dafür bedürfte, lieferten ihn
die Arbeiten, in denen der Künstler das Prinzip der Polarität
durch die Verwendung unterschiedlicher Materialien noch betont, die Objekte,
in denen sich zum Stein ein anderer Stoff gesellt, das Holz vor allem.
Natürliche Materialien beide, auch wenn das eine anorganischen und
das andere organischen Ursprungs ist. Materialien, die bei weitem nicht
alles mit sich machen lassen, die der formenden, gestaltenden Hand des
Bildhauers bei aller Unterschiedlichkeit ihren eigenen Charakter gegenüberstellen,
die danach verlangen, ihre innere Struktur, ihre Maserung zu berücksichtigen.
Und wieder geht es auch dabei vor allem um Spaltung und Vereinigung,
Trennung und Beziehung. Stein drängt sich in der gerade auf Grund
der Materialkombination doppelt ursprünglich wirkenden Serie der "Zeichen"
keilartig zwischen hölzerne Elemente, spaltet sie einmal, hält
und bringt sie auf Distanz, fungiert ein anderes Mal ebenso überzeugend
als verbindendes, brückenartiges Element zwischen den hölzernen
Stelen.
Noch einmal sei auf Goethe und die entscheidend von den Lehren Spinozas
beeinflusste Haltung zurückzukommen, die er in seiner "Wissenschaftslehre"
dem sich mit der Natur Beschäftigenden anrät. Könnte diese
Haltung nicht weniger dem dienlich sein, der sich mit den Objekten
Willi Bauer befasst? Verlangten nicht auch sie die "ruhige Aufmerksamkeit"
, die dem Betrachter dazu verhelfen würde, "uns bald von ihm, seinen
Teilen, seinen Verhältnissen einen ziemlich deutlichen Begriff (zu)
machen ... Je weiter wir diese Betrachtungen fortsetzen, je mehr wir Gegenstände
untereinander verknüpfen, desto mehr üben wir die Beobachtungsgabe,
die in uns ist. Wissen wir in Handlungen diese Erkenntnisse auf uns zu
beziehen, so verdienen wir klug genannt zu werden.
Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach